Niederge-trump-elt

Ich sprach heute mit einer israelischen Freundin über die bevorstehenden Wahlen in Israel. Sie macht sich große Sorgen, denn es sieht so aus, daß Bibi es erneut schaffen könnte. Das aber hätte fatale Konsequenzen für Israel, wenn man sich den völlig entfesselten Wahlkampf des Likud, ganz im Stile Donald Trumps anschaut: Fake News, Lügen, Drohungen, Besudelung des politischen Gegners. In sehr bewußten Schritten, werden die letzten Mäuerchen des Anstands, des Liberalismus und des demokratischen Grundgebahrens niederge- trump – elt.

Und dann? Am Tag nach der Wahl? Wenn ein Rassist und Extremist Erziehungsminister wird? Wenn die Dame, die das Parfum „Fascism“ so liebt, das Oberste Gericht zur Impotenz „reformiert“? Wenn die Siedlungspolitik weitergeht, ungehindert für immer, wenn wenn wenn….?

Und selbst wenn Bibi wegen Korruption etc. angeklagt werden sollte, und selbst wenn er verurteilt würde und dann endgültig gehen müßte…. Hat Israel dann wieder „Demokratie“?

Doch die Frage ist: Wann ist es Zeit zu gehen? Wann? Und vor allem: wohin? Darüber sprach ich mit dieser Freundin. Was tun als einzelner Bürger, der mit diesen Entwicklungen absolut nicht einverstanden ist? Wenn aber auch – abgesehen von Wahlen – keine anderen Möglichkeiten da sind, um das Ruder herumzureissen?

Widerstand leisten? Wie soll das ausschauen, ich meine: so, daß es auch effektiv wird. Gewalt geht gar nicht, klar. Demonstrationen? Ja, gut. Aber dazu braucht es ein Momentum und/oder einen Anführer, der in der Lage ist, die Menschen auf die Straße zu bekommen. Und ich meine: viele Menschen. Sehr, sehr viele Menschen. Siehe Venezuela (aber auch da weiß man nicht, wohin das gehen wird). Die Mehrheit von uns ist nicht so ein „Anführer“. Also was tun? Bloggen, Artikel schreiben? Mit Freunden eine „Bürgerinitative“ gründen? Was also?

Wann muss man also sein Land verlassen, weil man nicht mehr Teil politischer Entscheidungen sein will, die „im Namen“ des ganzen Volkes getroffen werden? Wenn man verfolgt wird, wenn die Meinungsfreiheit gestrichen ist? Ja, das wäre ein Zeitpunkt. Wenn man dann noch weg kann. Aber die heutigen „illiberalen“ Systeme funktionieren anders. Man kann seine Meinung sagen – es nutzt nur nix mehr. Man wird nicht mehr bedroht, sondern: fertig gemacht. Also keine Bedrohung des Lebens, aber der Lebensgrundlagen.

Mal abgesehen davon, daß sich viele gar nicht leisten können zu gehen, aus finanziellen oder anderen Gründen – wenn man die Möglichkeit hätte zu gehen, wohin soll man dann gehen? Und wie? Exil ist kein einfaches Los. Für niemanden. Aber wenn man bleibt, macht man sich mit-schuldig? Welche Möglichkeiten hat man dann noch? Innere Emigration?

Natürlich haben wir am Ende unseres Telefonats keine Antwort gefunden. Für meine Freundin ist das Weggehen aus Israel undenkbar. Ihre Familie lebt hier, ihre Kinder. Und in Europa ist der Antisemitismus wieder so präsent, daß sie dahin nicht zurückkehren möchte. Erst gestern schrieb mir eine römische Freundin, daß nun auch in Italien der Antisemitismus schlimmer werde, er sei überall zu spüren und zu hören.

Was macht man als einfacher Mensch in solch dunklen Zeiten? Eben doch protestieren, im Kleinen, im Großen – so wie man kann? Um vielleicht in vielen kleinen Schrittchen doch irgendwann einen Umschwung zu schaffen?

5 Gedanken zu „Niederge-trump-elt

  1. Noch ist ja alles offen und nichts entschieden. Aber die politische Situation könnte man auch dazu nutzen etwas generell Menschliches aus ihr zu lernen. Nämlich, dass Menschen sich immer wieder leicht von faschistischem Gedankengut verführen lassen, wie das Experiment die Welle veranschaulichte, das der amerikanische Lehrer Ron Jones 1967 an einer High School durchführte, um seinen Schülern klar zu machen, warum so viele Deutsche nach dem zweiten Weltkrieg behaupteten, von den Gräueltaten der Nazis nichts gewusst zu haben. http://www.spiegel.de/einestages/schul-experiment-die-welle-a-946745.html

    Denn dieses Experiment, wie auch der wieder aufkeimende Rechtsextremismus machen deutlich, wie anfällig wir Menschen gegenüber solchen faschistischen Systemen sind, völlig unabhängig davon, ob wir nun Deutsche, Juden, Italiener, Spanier, Brasilianer, Philipinos oder Türken sind. Und auch gerade politisch engagierte Studenten sind, laut dem Experiment die Welle, vor der Faszination eines solchen Systems nicht gefeit. Vielleicht sollten alle Schüler dieses Experiment einmal im Unterricht durchführen, damit sie am eigenen Leib spüren, wie wichtig es ist, die Demokratie zu verteidigen und wie schnell es gehen kann, dass diese beste aller Regierungsformen der Machtgier einiger weniger zum Opfer fälllt.

  2. In Brandenburg gab es vor Kurzem auch so ein Experiment an einer Schule: Die Welle 2.0: Brandenburger Lehrerin spielt „Black Mirror“ im Unterricht nach : https://www.bento.de/today/black-mirror-lehrerin-aus-brandenburg-spielt-folge-im-unterricht-nach-mit-krassem-ergebnis-a-067eeb84-cfdf-437e-8e73-b73aa2a1cb9f
    Hier hat sich aber der Klassenrebell nicht vereinnahmen lassen…. ,-) . Allerdings verlief das Black Mirror Experiment auch etwas anders als die Welle.

  3. Bitter, wenn die Endstation Sehnsucht Israel selbst zum Fluchtgrund werden sollte… – ja, und wohin dann gehen? (Ich weiss es nicht.)
    Auf der anderen Seite fliehen die Menschen in der Regel nicht von Orten, an denen sie selbst als Teil der Mehrheitsgesellschaft sicher leben, ungeachtet dessen, was um sie herum geschieht. Daher lautet die Antwort wohl: Bleiben und mit den bekannten Mitteln Widerstand leisten, und so lange man sich damit nicht persönlich in Gefahr bringt, ist der Ort wohl trotz allem richtig, auch wenn man vielleicht in Erinnerung bleibt als jemand, der dazugehörte zu einem Volk, in dessen Namen Dinge getan wurden, mit denen man persönlich gar nicht einverstanden gewesen ist.

  4. Mensch Schneider!
    Wenn Sie sich der Meinung von Zalmi Unsdorfer* anschließen, werden Sie augenblicklich wieder ein glücklicher Mann:

    „Bibi has had to deal with three US presidents and, in the process, some very awkward Secretaries of State. He now has a unique relationship with President Trump, his first family and a dream team of Bolton, Pompeo, Greenblatt, and Friedman. If there’s anything worthy of protecting like an etrog it’s exactly this status quo.“

    *Zalmi Unsdorfer is a Jewish Religious Zionist; Chairman of Likud-Herut UK. He is a commentator and advocate for Israel as a writer, TV & panel commentator, and advocate. He supports Jewish resettlement in all of the Jewish homeland, Eretz Israel.

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