Gaza: Den Krieg herbeireden

Immer wenn es Sommer wird, beginnt die israelische Öffentlichkeit zu spekulieren: Wird es bald Krieg geben? Es ist ja Sommer, da gibt es »immer« Krieg.

 

Immer Krieg im Sommer. Gaza, die Vierte?

Im Augenblick schreiben die israelischen Medien einen neuen Krieg mit Gaza herbei, aber mehr noch: so mancher Minister schreit ihn herbei. Dabei übertreffen sich die »üblichen Verdächtigen« mit radikalsten Forderungen. So etwa jetzt der Minister für Öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan. Er fordert, daß die israelische Armee auf alle, die brennende Drachen nach Israel starten, schießen so, »egal wie alt die sind, sie sind Terroristen und die Gefahr, die sie herstellen, muß verhindert werden.«

Ja, die mit Molotow-Cocktails ausgestatteten Drachen und Ballons, sind in der Tat ein Problem, sehr viel Land- und Feldfläche ist bereits abgebrannt auf israelischer Seite, ich habe vor ein paar Tagen hier an dieser Stelle darüber geschrieben. Ja, die Israelis haben in Stufen ihre Reaktion allmählich eskalieren lassen, ebenso Hamas und Jihad, die in den letzten Tagen mehr als 40 Raketen auf Israel abgefeuert und angedroht haben, bei jedem neuen Angriff Israels noch radikaler zu reagieren.

Wir sind also wieder einmal, scheinbar, in der von Journalisten so gern zitierten »Spirale der Gewalt« – als ob es ein selbstauslösender Automatismus sei, der nicht mehr gestoppt werden könnte.

 

Hamas in der Verantwortung

Es ist wieder einmal die israelische Generalität, die zur Mäßigung aufruft und erklärt, man solle und dürfe nicht auf die jungen Menschen feuern, die die Drachen starten, sondern Ziele der Hamas zunehmend ins Visier nehmen, denn die Hamas stachelt die Palästinenser an, immer weitere Drachen nach Israel fliegen zu lassen. Endlich hat man ein billiges, aber effektives Mittel gefunden, um die Israelis zu ärgern, nachdem die Freitagsdemos der letzten Wochen nicht viel gebracht hatten – außer zahlreichen Toten und Verletzten.

Muss also jetzt Krieg ausbrechen? Nein. Es muß nicht. Man muß eher kreative Lösungen für die Bekämpfung der Drachen finden. Und: die Lage ist nicht wie vor vier Jahren, als nach der Ermordung von drei jungen Israelis im Westjordanland die Bevölkerung zunehmend nach Rache rief. Die Hamas hatte die Morde zu verantworten, es flogen zunehmend Raketen aus Gaza in Richtung Israel, da war der Krieg sozusagen »nicht mehr abzuwenden«.

Aber jetzt? Es gibt in Israel (noch) keinen Ruf nach massiver Vergeltung, die Armee möchte die Lage in Gaza nicht eskalieren lassen, da sie sich auf Syrien und die iranischen Bemühungen, sich dort festzusetzen, konzentrieren will. Auch Netanyahu will das, ihm ist bewußt, daß Syrien das größere Gefahrenpotential in sich birgt als Gaza.

Aber die Medien in Israel brauchen ein »Sommerthema«, und so mancher Minister muß seiner Klientel beweisen, daß er ein harter Kerl ist.

 

Klappe halten oder Gaza erobern?

Manchmal befiehtl Netanyahu seinen Ministern, bei bestimmten Themen die Klappe halten zu müssen. Er sollte es auch beim Thema Gaza tun. Mit Worten zündeln ist gefährlich. Und plötzlich könnte man vor lauter »Brust-Trommeln« nicht mehr zurück und »müßte« den vierten Gaza-Krieg beginnen. Und was würde er bringen? Nicht mehr als die drei vorherigen. Es sei denn, Israel würde in Gaza einmarschieren und die Hamas vernichten wollen. Doch das wäre erstens nicht so einfach und würde viele, viele Tote auf beiden Seiten bedeuten. Und selbst wenn es gelänge, was dann? Wer wäre dann für Gaza verantwortlich? Wieder Israel? Das will in Jerusalem eigentlich niemand. Aber ein Gaza ohne Herrscher wäre auch nicht gut. Solange man die Hamas dort hat, hat man eine »Adresse«, an die man sich wenden kann, z.T. sogar über Vermittlung Dritter (Deutschland, Ägypten), wie schon in der Vergangenheit.

 

Die Knesset nach Tel Aviv

Ein bißchen Mäßigung unter der glühenden nahöstlichen Sommersonne täte gut. Vielleicht sollte die Knesset von Jerusalem nach Tel Aviv verlegt werden. Dann hätten die Politiker die Gelegenheit, wenn ihnen zu heiß wird, ins Mittelmeer zu springen und sich ein bißchen abzukühlen. Körperlich und emotional. Das wäre doch mal was …

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

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