Flüchtlinge, Ausländer und der Irrsinn in Europa

Ich bin das Kind von Flüchtlingen. Meine Eltern, die die KZs der Nazis überlebt hatten, mußten nach dem Krieg noch zweimal fliehen. Vor den Kommunisten aus Prag und aus Budapest.

Ich selbst mußte nicht mehr mit ihnen fliehen, ich bin schon in der Bundesrepublik geboren, meine Schwester schon noch, sie wurde in Prag geboren.

 

Derselbe Fluchtweg

Ich vergesse nie, wie ich im Herbst 2015 meine Mutter besuchte und wir im Fernsehen Bilder von Flüchtlingen sahen, die zu Fuß von Ungarn in Richtung Österreich laufen mußten, weil der gute Herr Orbán sie mit großer Verachtung einfach ihrem Schicksal überließ. Plötzlich sagte meine Mutter:»Diese Strecke kenne ich nur zu gut. Dein Vater, deine Schwester und ich sind auch auf diesem Weg erst mal nach Wien gelangt.«

Es versteht sich, daß mir das Schicksal von Flüchtlingen nicht egal ist. Egal, ob sie aus Kriegsgebieten oder ob sie vor politischer Verfolgung fliehen oder »nur Wirtschaftsflüchtlinge« sind, ein Begriff, der die Gründe ihrer Flucht herunterspielen soll. Denn keiner der Herren und Damen Politiker hat auch nur eine Ahnung, was es bedeutet, wenn man aus wirtschaftlicher Not seine Heimat, seine Familie und Freunde verlassen muß. Man tut das nicht freiwillig.

 

Zwei Ereignisse diese Woche

Diese Woche war ich auf Lesereise in Deutschland für mein Buch »Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel«. Abgesehen davon, daß ich anfänglich ein paar antisemitische Erlebnisse in Berlin hatte, gab es zwei Ereignisse, die mich fassungslos machten: Die Weigerung Italiens und Maltas, ein Flüchtlingsschiff mit 600 Menschen in ihre Häfen zu lassen und nun der unsägliche Streit zwischen CSU und CDU, der im Augenblick so schlimm zu sein scheint, daß ein Koalitionsbruch nicht ausgeschlossen ist.

Ich muß hier an dieser Stelle nicht mehr olle Kamellen aufwärmen: daß man die Flüchtlingspolitik seit 2015 anders hätte organisieren müssen, daß die Italiener in den letzten Jahren von den anderen europäischen Staaten in Stich gelassen wurden, daß in Griechenland alles drunter und drüber ging, weil die Balkanroute dicht gemacht wurde. Daß die einzelnen Staaten natürlich nicht alle Flüchtlinge aufnehmen können und so weiter. Ich weiß das alles.

 

Die Kälte der Politiker

Aber ich erschrecke über die Kälte, mit der Politiker vorgehen, das komplette Fehlen von Empathie, das Populistische, das Grausame, das in solcher Politik zu finden ist. Ob bei Orbán oder bei Kurz, ob bei der Lega oder anderen. Selbst Frankreich hat ja die Grenzen dicht gemacht gegenüber Italien. Und in Deutschland ist man bereit, die Regierung zu sprengen, was – wenn das geschähe – nicht nur Deutschland destabilisieren und der AfD mächtig Auftrieb geben würde. Es wäre ein weiterer Sargnagel für die EU. Und das in Zeiten nach dem G7 Gipfel, als die Europäer sich ja darauf verständigten, mit einer Stimme sprechen zu wollen gegen die Politik von Donald Trump.

 

Die Firnis der Zivilisation bröckelt

Europa verkommt zusehends. Die Firnis der Zivilisation, die nach der Katastrophe von 1945 über die Staaten getüncht wurde, bröckelt. Es ist entsetzlich, das mitanzusehen. Und man möchte alle Politiker am Schlawittchen packen und kräftig durchschütteln, damit sie endlich begreifen, was auf dem Spiel steht: Die Zukunft Europas, die Zukunft der Demokratie, die Zukunft des Liberalismus. Die Flüchtlinge sind der Auslöser für ein viel tiefer sitzendes Problem, das nicht mit Politikverdrossenheit, sondern mit Demokratieverdrossenheit bezeichnet werden muß. Der große französische Religionsphilosoph E. Lévinas machte schon vor Jahrzehnten sehr deutlich, daß die Frage nach dem Umgang mit dem »Du« das »Ich« definiert und spiegelt. Wenn man sich Europa heute anschaut, dann muß man – wieder einmal in der Geschichte – erschrecken. Und dabei hatten wir doch gedacht, daß wir die schreckliche Seite Europas überwunden hätten. Haben wir?

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

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