Synonyme

Gestern sah ich den israelisch-französischen Spielfilm „Synonyme“ des israelischen Regisseurs Nadav Lapid, der vor wenigen Wochen den Goldenen Bären bei der Berlinale gewonnen hat.

Der Film ist zum Teil autobiographisch. Auch der Regisseur, Nadav Lapid, hatte nach seiner Armeezeit Israel verlassen und versucht in Paris ein neues Zuhause zu finden, um sich von seiner militärischen Vergangenheit und der Gewalt des Nahen Ostens und in Israel loszusagen und eine neue Identität zu finden.

Starke Symbolik

Der Film ist eindrucksvoll, stark, sehr ungewöhnlich. Es lohnt sich, ihn zu sehen. Ja, man sollte ihn unbedingt sehen. Er ist schonungslos, unbedingt, mit einer starken Bildsprache, aber auch mit einer sehr aufgeladenenen Symbolik, die bis in die Sprache hineinreicht.

Gewalttätige Primitivlinge

Die Israelis, die in diesem Film vorkommen, sind meistens gewalttätige Primitivlinge, einer läuft ständig herum und versucht die Franzosen zu provozieren, da er überzeugt ist, daß Europa im Antisemitismus versinkt, Frankreich allemal (was ja so falsch nicht ist).

Und doch hat mich die Darstellung der Israelis ein wenig genervt. Ja, sie ist bewußt überzeichnet, sie versucht, ein ganz bestimmtes Gefühl in Israel wiederzugeben, das Militärische selbst in der zivilen Gesellschaft, die sich aufgrund der politischen Situation nicht anders zu helfen weiß. Aber so schwarz-weiss, wie der Film das zeichnet, ist die israelische Gesellschaft natürlich nicht.

Auszeichnung der politischen „message“?

Und so verdient dieser Film den Goldenen Bären gewonnen hat, so konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, ob man hier nicht auch die politische „message“ des Films auszeichnen wollte, eine message, die anders daherkommt als in anderen israelischen Filmen, die sich kritisch mit dem eigenen Militär und der Besatzung auseinandersetzen und auch schon internationale Preise gewonnen haben. In diesen Filmen sieht man sehr viel komplexere Charaktere und kompliziertere Situationen als in „Synonyme“, ob das nun „Foxtrott“ oder „Waltz with Bashir“ oder andere sind, oder sogar die TV-Serie „Fauda“, die wesentlich differenzierter ist als „Synonyme“.

Geteiltes Publikum

Auf jeden Fall war die Stimmung im Kinosaal interessant. Der Film ist sehr lang, m.E. um eine gute Viertelstunde zu lang. Aber gut, das ist Geschmacksache. Auf alle Fälle war die eine Hälfte des israelischen Publikums mucksmäuschenstill, die andere begann irgendwann nur noch zu quatschen, ob aus Langeweile, aus Ärger oder weil man mit dem Stil und der Symbolik nichts anzufangen wußte, kann ich nicht beurteilen.

Zurück bleibt ein verstörender Film. Und eine Frage an die Jury der Berlinale, die ich natürlich auch nicht beantwortet bekomme. Dennoch: gut, daß es solche Filme gibt. Und gut, daß alle Miri Regevs und Co. solche Filme (noch) nicht verbieten können.

3 Gedanken zu „Synonyme

  1. Miri Regev. Als jemand, der sich in Israel nicht so gut auskennt, muss ich solche Namen googlen. Hier gab es einen Treffer:
    https://www.tachles.ch/artikel/news/israel-gehoert-allein-der-juedischen-nation
    Miri Regev ist also die Kultusministerin, die von TV-Moderatorin Rotem Sela wegen eines Interviews kritisiert wurde, was wiederum zur Folge hatte, dass Netanyahu sich äusserte.
    Wie auch schon in einem früheren Blogbeitrag berichtet wurde:
    https://richard-c-schneider.de/schneiders-blog-die-wahre-opposition/
    Wieder was gelernt. Gerne lerne ich nach dem 9. April aber auch neue Namen.

  2. Es ist bedrückend, dass dieser Film den Goldenen Bären gewonnen hat. Ich kann verstehen, dass der Film selbst und in Kombination mit der Auszeichnung auf Teile des Publikums verstörend gewirkt hat. Die Kritik lädt nicht ein, sich diesen Film ebenfalls anzusehen. Natürlich kann man das tun, um diese bitter-süsse „Auszeichnung“ sacken zu lassen oder um ein Zeichen gegen die Zensur zu setzen, aber es ist auch ein Wink an den Regisseur, wenn man sich bewusst gegen das Anschauen dieses Films entscheidet. Ich bin ganz gegen die Zensur von oben, aber das Publikum kann sein Urteil durchaus auch durch Fernbleiben kundtun.

  3. Ich höre ja oft, dass man die Politik der Israelischen Regierung kritisieren darf. Trotzdem verstehe ich nicht, oder finde es nicht richtig, wenn Israelis es ausserhalb von Israel tun. Mit diesem Film dann nach Europa zu gehen, unterstützt meiner Meinung nach die Stimmen, die ja ohnehin gerne jede Gelegenheit nutzen, ihre negative Haltung kund zu tun. Ich bin geteiltee Meinung, ob man sich dann über diese deutsche Auszeichnung freuen sollte.

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