Ja, die Facebook-Schlachten …

Eigentlich vermeide ich es, auf Facebook-Seiten von Freunden und Bekannten zu gehen, ich habe schlicht nicht die Zeit dazu. Doch heute morgen tat ich es, weil ich einen ganz bestimmten Eintrag suchte – und dabei kam ich dann doch ins Scrollen und sah allerlei Facebook-Seiten von jüdischen Bekannten in Europa, die sich auf ihren Seiten heftige »Schlachten« liefern mit anderen »Facebook-Menschen«, die Israel kritisieren. Was auffällt und ja inzwischen typisch geworden ist im Zeitalter der Social Media: der Ton eskaliert schnell, man wird gleich »persönlich« und attackiert die Person, nicht das Argument.

 

Wirkliche Sachkenntnis? Facebook? Fehlanzeige

Das wird dann natürlich ziemlich schrill. Vor allem: Die Kämpfe spielen sich sozusagen auf »europäischem Boden« ab. Weder der jüdische noch der nichtjüdische Kontrahent lebt in Israel. Weder der »Verteidiger« Israels noch der »Ankläger« Israels lebt im Nahen Osten, ist vor Ort. Ja, man war schon mal dort, vielleicht sogar mehrmals, ist herumgereist, hat ein paar Eindrücke gesammelt. Aber wirkliche Sachkenntnis? Fehlt oft. Auf beiden Seiten. Und so sind die »Schlachten«, die da häufig geschlagen werden, irgendwie absurd. Da haut man sich angebliche Fakten und Argumente um die Ohren, die meistens auf beiden Seiten nicht ganz stimmen, oder auch völlig falsch sind.

Und was ebenfalls faszinierend ist: Manche der »Facebook-Schlachten« sind argumentativ weit hinter dem Diskurs, der in Israel gang und gäbe ist, zurück. Da werden Dinge behauptet, die in Israel selbst längst in Frage gestellt wurden oder aber es werden Dinge verleugnet, die Israel längst akzeptiert hat. Dasselbe gilt natürlich auch für die »Kontrahenten« dieser Verteidiger Israels, auch ihre Argumente haben häufig nichts mehr mit dem Wissen und dem wirklichen Diskurs im Nahen Osten zu tun.

 

Es geht um Rückversicherung

Und so wird natürlich schnell klar, daß es nicht um Israel und die Palästinenser oder den Iran geht. Es geht um die permanente Rückversicherung europäischer Juden, daß sie in einem zunehmend feindlich gesinnten, antisemitischen, als bedrohlich wahrgenommenen Europa eine Fluchtmöglichkeit haben, die Israel heißt. Daß sie sozusagen um ihre »eigene Haut« kämpfen, nicht um die Israels. Diese Auseinandersetzungen sind natürlich in einer Zeit des wachsenden Antizionismus zahlenmäßig immer weiter gestiegen, die Grenze zwischen Kritik an Israel und blankem Antisemitismus verschwimmt immer häufiger, diese europäischen Juden fühlen sich da – nicht ganz zu Unrecht – in einen Topf geworfen mit dem, was in Israel geschieht oder nicht geschieht.

 

Ein anderer Diskurs ist nötig

Es geht also in Wirklichkeit um Europa. Und daß Juden sich in Europa nicht mehr sicher fühlen, ist ja keine Neuigkeit, die Sie gerade hier zum ersten Mal erfahren. Aber dieser Post sollte Sie vielleicht auch mal wieder daran erinnern, daß man in Europa einen anderen Diskurs eröffnen sollte, einen ehrlichen: Wie macht man Deutschland, Frankreich, England, Ungarn, Polen etc. wieder zu Staaten, in denen sich Juden sicher fühlen können? Darüber sollten sich jüdische und nichtjüdische Europäer »streiten«. Und keinen Stellvertreterkrieg um Israel und Palästina führen. Das ist billig und einfach – man ist ja weit weg. Da machen es sich viele Europäer, nichtjüdische vor allem, zu einfach.

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

Ein Gedanke zu „Ja, die Facebook-Schlachten …

  1. Vielen, vielen Dank für diesen Post! Es ist wirklich so, dass vor allem fern von Israel auf Pro und Contra Seiten Positionen durch Brett und Boden verteidigt werden, wo man in Israel die viel ehrlicheren Antworten bekommt auf Fragen und dies selbst vom sogenannten politischen Gegner. Aber zurück zum hiesigen Diskursfeld: Ich sehe und lese vieles aus dem jüdischen Umfeld, wo ich denke, dass ein Wechsel des Diskurses auch denen gut tun würde. Der nötige Bewusstseinswandel der sogenannten Goi ist unbestritten aktuell, aber er ist nicht allein. Ich möchte Diskursmöglichkeiten jenseits der Frage, ob Anti-Zionismus nun Anti-Judaismus sei oder nicht. Die Frage ist vor allem ein Nebengleis. Wo es anfängt spannend zu werden, wenn wir mit François Julien von der ‚distance‘ zwischen den Kulturen reden, und nicht mehr vom Unterschied. Das ist meiner Ansicht nach produktiver und weniger gewalttätig, da es die Eigenwahrnehmung fördert.

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