Entgegen den Kaffeehaus-Militärs: Sie reden doch miteinander

Wenn sie eine treue Leserin oder ein treuer Leser meines Blog sind, dann erinnern Sie sich sicher noch an meinen Post, in dem ich mich mockierte über jene Juden, die in europäischen Kaffeehäusern sitzen und sich besonders miilitant geben, insbesondere gegenüber der Hamas. Ich zitierte damals einen Satz von einem Bekannten aus München, der mir dann im Netz eine Antwort schrieb, in der er mich scharf kritisierte, was ihm viel Beifall einbrachte, von all denjenigen, die mich und meine Meinung nicht mögen. Und es brachte ihm von vielen die erneute Bestätigung, mit der Hamas könne und dürfe Israel nicht reden, nicht verhandeln, denn sie wolle »uns vernichten«, solche Gruppen verstünden nur die harte Faust des israelischen Militärs und so weiter.

 

Warum nicht miteinander reden?

Ich selbst hatte damals in meinem Post die Frage gestellt, warum man mit der Hamas eigentlich nicht redet. Man hatte das auch mit der PLO gemacht, als diese Israel noch nicht anerkannt hatte und so weiter. Ich habe auch darauf hingewiesen, daß Israel schon immer mit der Hamas redete und redet – über Dritte zwar – aber man kommuniziert miteinander.

 

Projekte in dreistelliger Millionenhöhe für Gaza

Und nun ist es also soweit: Auch über Dritte, aber sehr konkret, reden Israel und die Hamas über einen langwährenden Waffenstillstand und Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe in Gaza, um die Lebensbedingungen für die Menschen dort zu verbessern. Die Gespräche sind ziemlich detailliert und weitreichend. Katar und andere sollen als Geberländer fungieren, die UN soll das alles kontrollieren – kurz: ein großangelegtes Projekt für den Aufbau in Gaza ist zumindest im Gespräch. Premierminister Netanyahu sagte vor kurzem eine Reise nach Südamerika ab, weil die Gespräche in eine entscheidende Phase gekommen waren.

 

Ein vierter Gaza-Krieg?

Es ist noch keineswegs klar, ob die Gespräche erfolgreich sein werden oder scheitern. Wenn sie scheitern, dann ist es wahrscheinlich, daß es zu einer offenenen militärischen Konfrontation kommen wird. Wie die aussieht, weiß ich aus allernächster Nähe, habe ich doch drei dieser Konfrontationen gecovert für die ARD. Aber daher weiß ich auch, wie der vierte Krieg ausgehen wird: nämlich »gar nicht«, will heißen: danach gibt es wieder Tausende von Toten, ohne daß sich irgendetwas geändert hat. Das Geschwätz der israelischen Rechten, in Gaza komplett einzumarschieren und die Hamas zu vertreiben, ist eben das: Geschwätz. Die Verluste auf israelischer Seite wären viel zu hoch, man würde wieder ganz Gaza verwalten müssen, falls das noch möglich wäre – das wollen im Ernst nicht einmal die Benetts und Shakeds und Liebermans. Das ist alles nur Muskelspielerei für die eigene Klientel – denn 2019 stehen Parlamentswahlen in Israel an. Sonst nichts.

 

Brennende Kondome

Also – entgegen den Meinungen so einiger Juden in Europa, redet Israel mit der Hamas. Denn anders als „weit weg“, weiß man in Jerusalem nur zu gut, daß ein immer weiter verarmendes Gaza nicht gut ist für Israel, daß man selbst mit der hochgerüsteten israelischen Armee nichts ausrichten kann gegen Luftballons, Drachen und Kondome, die mit brennendem Material hinüberfliegen von Gaza nach Israel und da die Felder verbrennen und verwüsten.

 

Ruhe. Nicht Krieg.

Die Realpolitik scheint die Oberhand zu gewinnen. Aber wie gesagt: Noch ist unklar, ob die Gespräche zu irgendetwas führen. Man kann es nur hoffen. Ein neuer Krieg bringt mit Sicherheit nichts Gutes.

Also – Sorry, Guys – ich hatte eben doch nicht so ganz Unrecht: Die ultrarechteste israelische Regierung aller Zeiten spricht – sogar – mit der Hamas, die uns vernichten will. Weil man Ruhe will. Nicht Krieg.

Mal gucken, wie’s ausgeht.

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

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