Der Schalldämpfer

In meiner Vita, die ich auf meine eigene Website gestellt habe, gebe ich voller Stolz an, daß ich über eine Bibliothek mit rund 5000 Büchern verfüge. Nun, das stimmt. Aber ich habe mich in der letzten Zeit immer häufiger von vielen Büchern angefangen zu trennen. Das hat zwei Gründe: zum einen war und ist es unendlich anstrengend bei jedem Umzug wieder Hunderte von Bücherkisten zu schleppen, Wohnungen zu suchen, die Platz für meine Bücher bieten (ich brauche definitiv weniger Platz als meine Bücher), zum anderen: es hat auch etwas Befreiendes sich von alten Büchern zu trennen.

Welche Bücher gibt man weg?

Denn tatsächlich ist es so, daß man den Großteil nie wieder in die Hand nehmen, geschweige denn lesen wird. Die ersten „Ausmist“-Runden waren ziemlich einfach. Doch allmählich geht’s an’s Eingemachte. Natürlich, Bücher, die man braucht, die bleiben, Bücher, die man liebt, die bleiben auch und Bücher, die einen an eine bestimmte Zeit im eigenen Leben erinnern, die gehen auch nicht den Weg alles Irdischen.

Aber dann gibt es da viele Bücher, die in eine der oben genannten Kategorien passen, aber dann eben doch irgendwie nicht. Ich wälze dann tagelang jedes dieser Bücher hin und her, um zu überlegen, ob ich es weggebe oder nicht. Schrecklich…

„Der Schalldämpfer“

Gestern fiel mir ein Buch in die Hand, das ich definitiv nicht weggeben werde, das mich aber in ganz eigenartigem Maß nachdenklich gemacht hat: Es ist das Buch „Der Schalldämpfer“ von Axel Corti. Kennen Sie nicht? Nicht mehr? Das kann ich mir vorstellen. Nun, für viele, die nicht aus Bayern stammen, wie ich, für die war die Sendung „der Schalldämpfer“ auch nie ein Begriff. Dieses wöchentliche Programm im österreichischen Radio, war eine der besten Sendungen, die es je im deutschsprachigen Programm gab. Axel Corti, der große Journalist, der auch ein grandioser Regisseur war, war Autor, Sprecher und Redakteur dieser Sendung, die ich nie verpassen wollte. Seine Glossen waren Höhepunkte des Radiojournalismus‘.

Einige Titel des „Schalldämpfers“:

– Der Geist geht zu Fuss
– Die Dame ist aus Plastik
– Fritz Kortner ist tot
– Das Telephon ist eine indiskrete Maschin‘
– Himbeercreme
– Dank für Eberhard Fechner
– Warst du der Rabbi Hillel?

Sie sehen bereits anhand der Titel, was für ein Kaleidoskop an Stories, Pointen, Geschichten Axel Corti da abdeckte, dieser sprachgewaltige Autor, dessen Text so fein ziseliert waren, wie man das heute kaum noch hören oder lesen kann.

Filme, die das eigene Leben bestimmen

Zwei seiner Filme habe ich bis heute nicht vergessen:

„Ein blaßblaue Frauenschrift“ nach Franz Werfel und die Trilogie „Wohin und zurück – Welcome to Vienna“ nach der Biographie von Georg Stefan Troller, der übrigens, hoch in den Neunzigern, immer noch in Paris lebt. Filme, die Geschichte schrieben. Filme, die das eigene Leben, das eigene Denken beeinflußten und bestimmten.

Ich wollte immer mit Axel Corti arbeiten. Ich wollte bei ihm als Regieassistent lernen, nahm Kontakt zu ihm auf und hatte Hoffnung, daß es klappen könnte. Doch dann erkrankte er an Leukämie und starb 1993, nur 60 Jahre alt. Was für ein großer Verlust!

Er war und ist ein Vorbild

Und so schmöckere ich in diesem Buch, das mir gestern in die Hände gefallen ist, verneige mich vor einem meiner großen Vorbilder, denke wehmütig an eine Zeit als es noch Journalisten und Künstler wie ihn gab, die wirklich etwas zu sagen hatten, die – geprägt durch ihre Erfahrungen im Krieg (seine Familie war vor den Nazis geflohen) – für ein besseres Österreich, ein besseres Deutschland, ein besseres Europa arbeiteten. Aber leider kennt ihre Arbeit kaum noch jemand. Und die neue Generation ist gerade dabei das Europa zu zerstören, daß all die Axel Cortis mühselig aufbauten, weil sie wußten, was auf dem Spiel stand…

Lieber Axel Corti, für mich bleiben sie unvergessen! Danke für ihre große Kunst.

3 Gedanken zu „Der Schalldämpfer

  1. Ich war in der Schulzeit mit seinen Söhnen (Severin und Sebastian) befreundet und habe sie im Sommer in Salzburg besucht und natürlich Papa Corti kennengelernt. Wir spielten im Garten und man hörte ihm immer oben in seinem Arbeitszimmer an der Schreibmaschine sitzen. Zum Essen kam er herunter und setzte sich zu uns und wir erzählten ihm unsere Geschichten. Er war auch ein toller Zuhörer! Für mich war das sehr beeindruckend! Leider ist er viel zu früh verstorben,

  2. Eine Geschichte von Anthony de Mello über einen Bauern und seinem Sohn lautet wie folgt:.
    Eines Tages lief das schönste Pferd des Bauern davon.
    Alle Nachbarn bedauerten den Bauer und beklagten den Verlust.
    Der Bauer sagte: ,,Unglück, wer weiß?“
    Nach einigen Tagen kam sein Pferd zurück und mit ihm kamen einige Wildpferde.
    Die Nachbarn beglückwünschten den Bauern.
    Dieser aber sagte: ,,Glück, wer weiß?“
    Als sein Sohn eines der Wildpferde zähmen wollte, wurde er abgeworfen und brach sich ein Bein.
    Wieder klagten die Nachbarn und sprachen von einem großen Unglück, der Bauer aber sagte „Unglück, wer weiß?“
    Kurz darauf kamen die Soldaten des Kaisers, um junge Männer für den Krieg zu rekrutieren.
    Da der Sohn des Bauern sein Bein gebrochen hatte, taugte er nicht für den Krieg und konnte so zuhause bleiben.

    Anthony de Mello meint dazu:
    Was immer geschieht, an uns liegt es, Glück oder Unglück darin zu sehen.

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