Der Satz war antisemitisch, nicht die Person

Ich komme nochmal auf das von mir bereits erwähnte neue Phänomen des »Antisemitismus ohne Antisemiten« zu sprechen. Diese neue Exkulpationsformel, die in Deutschland, aber auch anderswo Schule gemacht hat. Wie ich schon sagte — das ist mir seit den Ausfällen vom inzwischen verstorbenen FDP-Politiker Möllemann aufgefallen. Jemand sagt oder tut etwas Antisemitisches — und danach wird dann erklärt, jaja, das sei zwar antisemtisch, aber die Person ist es natürlich nicht, man kenne die Person ja seit Jahren, sie steht über jeden Zweifel usw.

 

Welcher Körperteil ist antisemitisch?

Ich habe gerade auf der Blogseite einen Kommentar eines Lesers bekommen, den ich wirklich interessant finde — ich habe ihm bereits geantwortet, möchte das aber hier nochmal tun. Da wird Norber Blüm (»Die Rente ist sicher«) angeführt. Dessen Beitrag zur Maischberger-Diskussion »Auserwählt und ausgegrenzt — der Hass auf die Juden in Europa« sei zwar antisemitisch gewesen, aber — so fragt mich der Leser — »ist es der ganze Mann?«

Meine Antwort darauf war ironisch — ohne, daß ich mich über den Leser lustig mache, der mir diese Frage stellt, im Gegenteil, ich bin froh, daß diese Frage so kommt. Ich schrieb: ob er mir denn sagen könne, welcher Teil dann antisemitisch sei, der linke Arm oder das linke Auge? Oder das rechte? Oder die linke Gehirnhälfte oder die rechte? Meine Überspitzung versucht die Absurdität dieser neumodischen »Exkulpation« vorzuführen.

 

Das »Es« oder: der Antisemit als Opfer?

Es geht um ein Prinzip, das sich durchgesetzt zu haben scheint. Diese »Ent-schuldung« ist der Political Correctness geschuldet. Ja, nach Auschwitz darf man nichts Negatives mehr über Juden sagen. Das kann einem die Karriere kosten. Und wenn man es dann doch tut, dann war man das nicht selbst, sondern … Ja, sondern wer? Ist es dann doch so, daß »ES« aus einem spricht? Der Antisemitismus, der Teil der europäischen DNA ist? Die Erziehung? Die Beeinflußung durch tausend Faktoren, die Klischees, die es seit Jahrhunderten und Jahrtausenden über Juden gibt, und die man mitbekommen hat – natürlich alles völlig »unbewußt« und dadurch auch »unverantwortlich« und deswegen eigentlich – ja, und jetzt kommt’s: deswegen eigentlich selbst ein »Opfer«? Ein Opfer seiner Umgebung, Erziehung, Kultur, was auch immer?

 

Ein jüdischer Witz, mal wieder

Erlauben Sie mir, mal wieder, mit einem jüdischen Witz, den ich sehr liebe, zu enden:

Juni 1945. Wiener Westbahnhof. Ein Jude geht mit zwei Koffern auf den Bahnsteig und spricht eine Person an:

»Entschuldigen Sie, waren Sie Nazi?«

»Ich«, die Person ist empört, »Ich war im inneren Widerstand, was wissen Sie, wie ich gelitten habe«.

»Oh, Entschuldigen Sie«, sagt der alte Jude und geht weiter. Geht zur nächsten Person:

»Entschuldigen Sie, waren Sie Nazi?«

»Ich«, schnaubt ihn der Mann an, »ich habe eine jüdische Großmutter, was glauben Sie, was ich durchmachen mußte!«

»Oh, Entschuldigen Sie«, sagt der alte Jude und geht weiter. Geht zur nächsten Person:

»Entschuldigen Sie, waren Sie Nazi?«

»Ich?? Wir haben zwei Juden bei uns im Keller versteckt, was erlauben Sie sich?!«

»Oh, Entschuldigen Sie«, sagt der alte Jude und geht weiter. Geht zur nächsten Person:

»Entschuldigen Sie, waren Sie Nazi?«

»Was heißt war?!! Ich bin und bleibe Nazi aus Überzeugung!« schreit ihn der Mann an.

»Oh, das ist wunderbar!« ruft der alte Jude, »Sie sind ein ehrlicher Mensch. Könnten Sie bitte kurz auf meine beiden Koffer aufpassen, damit ich mir noch etwas zum Essen für die Reise kaufen kann?«

 

In diesem Sinn — Happy Day!

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

3 Gedanken zu „Der Satz war antisemitisch, nicht die Person

  1. JEDER Europäer, der sich über das Schicksal der arabischen Palästinenser gegen Israel echauffiert, den aber über hundert in Pakistan gelynchten Christen sowie das Los der Tibeter, der Tamoulen, der Christen im Sudan, der Indianer in Guatemala, der Touaregs in Nigeria und der schwarzen Bevölkerung Mauritaniens gleichgültig lässt, IST ein Antisemit.

    1. Muss ich nun deswegen, wenn ich über die Erlebnisse meines palästinensischen Freundes unter der brutalen Besatzungsherrschaft Israels in der Westbank Klage führe, immer vorausschicken oder anfügen, dass ich die gelynchten Christen in Pakistan und…. dabei nicht vergesse?

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