Doch so viele

Stellen Sie sich vor: Zur Demo gegen Antisemitismus gestern in München kamen 2500 Menschen. Doch so viele, beeiiiiindruckend. Nicht wahr?

Auch in Berlin waren bei der »Kippa-Trage-Demo« so an die 2000 Menschen gekommen. Und wie in Berlin, so waren auch in München viele »jüdische Mit-Bürger« dabei, also ist die Zahl der nichtjüdischen Mitbürger, die da protestiert haben, keine 2500, sondern vielleicht 2000 oder 1500 oder … wer weiß.

Warum kommen so wenige? Nun, die Uhrzeit der Demonstration war sicherlich ziemlich blöde gewählt. Früher Nachmittag. Da arbeiten Menschen und können ihren Arbeitsplatz nicht so ohne weiteres verlassen. Kann mir jemand erklären, warum man so eine Demo nicht auf den Abend legen kann? Was soll der Quatsch?

Wieviele wären dann gekommen? Das ist die große Frage. Wir wissen, gerade aus München, daß bei Auftritten von Neo-Nazis immer wieder eine große bürgerliche Mehrheit zur Gegendemonstration kam, Zehntausende und mehr. Nicht zu vergessen die »Lichterkette« vor über 20 Jahren mit Hunderttausenden Menschen. Auch bei einer Neo-Nazi-Demo in Berlin mit 5000 Teilnehmern hatte die Gegendemo neulich 25 000 Teilnehmer. Prima.

Also stellt sich die Frage, warum man die Demo gegen Antisemitismus nicht auf eine andere Zeit legen kann. Oder wäre die Gefahr, daß dann doch nicht soviele kommen würden, zu groß? Gegen Nazis ja – aber für Juden: nein? Das wäre doch mal eine interessante Frage.

Und dann wäre es doch nur richtig, wenn die jüdischen Gemeinden bei diesen Demos einfach nicht mitmachen würden. Weder bei der Organisation, noch bei der Demo selbst. Soll doch die »Mehrheitsgesellschaft« mal zeigen, was sie zu leisten imstande ist. Nicht zu vergessen: eine Demo gegen Antisemitismus ist nicht nur eine Demo »für Juden«, sondern eine Demo für die Demokratie. Also letztlich eine Demo für sich selbst. Mal sehen, ob das mehr Menschen als nur 2000 wert ist, auf die Straße zu gehen.

 

Richard C. Schneider

2 Gedanken zu „Doch so viele

  1. Ich denke, es ist der glücklicherweise fehlende Anlass.
    Bei den Demos gegen Pegida kamen immer so viele Menschen, da Flüchtlingsunterkünfte in großer Zahl angezündet wurden und sich islamfeindliche Parteien gründeten, sowie eine große Zahl von Menschen offen gegen den imaginierten „Untergang des Abendlandes“ demonstrierten.

    Hier war der Anlass ein paar Sekunden langes Video, aus dem nicht wirklich was hervorging. Wie man erfuhr wurde wohl ein Araber, welcher sich mit Kippa als Jude „verkleidete“ von einem anderen Araber in Berlin beschimpft. Naja, nun – als jemand, der in Berlin aufgewachsen ist wurde ich in meinem Leben zig mal angepöbelt und hin und wieder auch von Idioten angegriffen. Das obwohl ich nie als Mensch jüdischer Abstammung zu erkennen bin.
    Jetzt wegen einer Pöbelei mit unklaren Umständen gleich eine Großdemo veranstalten, wirkt dann doch übertrieben.

    Es wurde implizit davon ausgegangen, dass man mit Kippa erscheint – etwas, was wohl auch nicht grade jeder zufällig rumliegen hat – und dessen Beschaffung auch wieder unnötige Umstände verursacht und bereits ein Hinderungsgrund sein kann.

    Wir leben in einer Zeit, in welcher es selbst die Friedensbündnisse schwer haben 2000 Leute gegen Krieg auf die Straße zu bekommen. Ich sehe das also alles sehr gelassen und freue mich, dass die Demo gegen Antisemitismus doch so viele Menschen mobilisierte.

  2. Willst du , dass viele kommen, dann den Abendtermin wählen. Sprichst du auch Juden an, dann geht nur früher Nachmittag wegen Shabbat

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